Sonntag, 14. Juni 2015

Vorsicht: Kunstszene! Zutritt verboten!



Wir befinden uns in einer Epoche, in der Institutionen und Personen des öffentlichen Lebens zunehmend im Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Sogar die Kirche und ihre Würdenträger können sich dieser neuen Art der Kontrolle nicht länger entziehen. Die einzige Gruppe aber, die sich vehement gegen die Kontrolle und Kritik der Öffentlichkeit widersetzt und sich über diese empört, sind die Künstler. Der Fall Roman Polanski, gegen den 2010 in den USA ein Verfahren wegen Vergewaltigung einer 13-Jährigen eröffnet wurde, liefert ein sichtbares Beispiel hierfür.

Viele Künstler haben in offenen Briefen oder in Interviews gegen Polanskis Prozess lautstark protestiert, nicht weil sie in dem Verfahren rechtliche Unregelmäßigkeiten erkannt hätten, nein, sondern weil die Justiz und die Öffentlichkeit sich erlaubt hatten, einen prominenten Filmemacher zur Rechenschaft zu ziehen. Einige deutschsprachige Autoren gingen in der (indirekten) Verteidigung von Roman Polanski und der Verharmlosung seiner Straftat sogar so weit, dass sie behaupteten, der sexuelle Verkehr zwischen Künstlern und minderjährigen „Knaben“ und Mädchen sei nichts Besonderes und schon immer weit verbreitet gewesen.

Derselben Problematik begegnen wir im Fall Christian Kracht. Georg Diez hat in einem Artikel im Spiegel Krachts neuerschienen Roman „Imperium“ analysiert und versucht, Krachts rechtsextremen Einstellungen, welche in seinem Roman widerspiegelt werden, anhand des Briefwechsels zwischen dem Autor und David Woodward zu belegen. Die Briefe, auf die sich Diez beruft, sind dem Buch „Five Years: Briefwechsel 2004-2009“ entnommen. Und wieder sind wir mit einer aufgebrachten Kunstszene konfrontiert, die nicht zulassen will, dass auch Schriftsteller wegen ihrer politisch unkorrekten Einstellungen zur Verantwortung gezogen werden.

Aus Protest wird ein offener Brief von 17 Schriftstellern an den Spiegel veröffentlicht, in dem Diez der Denunziation bezichtigt wird. Einer der Unterzeichner, Feridun Zaimoglu, gibt in seinem Interview mit dem Börsenblatt zu, er habe Krachts Roman nicht gelesen und erklärt, trotzdem fände er Diez' Kritik „widerlich“ und „unanständig“. Es scheint, als habe er auch Diez' Artikel nicht (genau genug) gelesen, da er behauptet, Diez selbst habe geschrieben, die „zwielichtigen“ Einstellungen Krachts ließen sich aus dem Roman nicht ableiten. Und das, obwohl Diez nicht wenige Ausschnitte aus dem Buch zitiert, um zu zeigen, dass Krachts rechtsextreme Weltsicht auch in „Imperium“ zum Ausdruck kommt.

Die Behauptung, ein Roman widerspiegele nicht immer die Weltsicht des Autors ist falsch und irreführend. Es ist oft nicht einfach, aber trotzdem möglich, zwischen dem Autor, seinen Romanfiguren und dem Erzähler zu unterscheiden. Viele Kritiker, die sich zu Diez' Artikel geäußert haben, finden seine „Methode“ inkorrekt, Krachts Roman mit den von dem Schriftsteller selbst veröffentlichten Briefen in Verbindung zu bringen. Diese Methode ist vielleicht in Kritiken zu Werken noch lebender Schriftsteller ein Tabu, aber in den renommierten Kritiken zu Werken verstorbener Autoren sehr üblich. Der Versuch, anhand der Äußerungen und Einstellungen des Autors, der Ereignisse in seinem Leben und sogar seines psychischen Zustands zu der Zeit des Schöpfens sein Werk zu analysieren, ist nichts Neues.

Sowie der Literatur keine von allen Seiten akzeptierten Grenzen gesetzt sind, kann auch die Literaturkritik nicht auf bestimmte Formen beschränkt werden. Es kommt nicht selten vor, dass ein Roman auf bestimmte inhaltliche Aspekte untersucht wird- wie z.B. Frauenfeindlichkeit in Werken von X. Diez hat auch nichts anderes getan, als Krachts Roman unter dem Aspekt Rechtsextremismus zu untersuchen und seine Interpretationen auf Krachts Äußerungen zu stützen.

Liegt Diez mit seiner Behauptung, „Imperium“ zeuge von Krachts rassistischem, „antimodernem, demokratiefeindlichem, totalitärem Denken“, falsch? Gleich am Anfang des Romans wird dem Leser bewusst, dass der Erzähler, von dem sich Kracht in keiner Weise distanziert, der „Rassenzugehörigkeit“ und den physikalischen Merkmalen wie der Farbe der Haut, Haare, Zähne und Zahnfleisch eine, man könnte fast sagen, krankhafte Beachtung schenkt. Er benutzt bedenkenlos Ausdrücke wie Kanaken, Wilde und Neger und macht sich über das Aussehen mancher Fremden lustig. An einigen Stellen erinnert seine Sprache an die Rassenhygiene: „Engelhardt sah in das knochenweiße Gebiß, welches in einem kerngesunden, rosaroten Zahnfleisch steckte, und erschauerte innerlich vor Wohligkeit“.

Auf den ersten Seiten des Romans macht Kracht den Leser darauf aufmerksam, dass es zwischen seiner Hauptfigur, August Engelhardt, und einem „späteren deutschen Romantiker und Vegetarier, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre“, nämlich Hitler, durchaus beabsichtigte Parallelen gibt. Nach diesem direkten Engelhardt-Hitler-Vergleich, scheint die sofort folgende Passage über die „Eliminierung“ von Nahrungsmitteln durch Engelhardt und die Weiterverarbeitung von verschiedenen Kokosnussteilen zu Fett, Öl, Löffeln, Knöpfen, Matten und schließlich das Verbrennen der Schale  als ein böses Spiel mit den Symbolen einer bösen Zeit.

Die Deutschen erscheinen in „Imperium“ allen anderen Nationen und Völkern überlegen. Allen anderen Europäern begegnen wir in dem Roman fast nur in betrunkenem Zustand und Aggressionen ausübend. Sie sind kampf- und kriegslustig und ihre Staaten stellen eine Bedrohung für Deutschland dar. Die Deutschen erscheinen in dem Buch als das zivilisierteste und menschenfreundlichste Volk überhaupt: „Gewiß, allzuviel wäre ihm bei seiner Entdeckung nicht passiert, schließlich war es ein deutsches Schiff, aber es kam in jenen Zeiten vor, daß die Bootsbesatzungen anderer Nationen nicht besonders zimperlich mit blinden Passagieren umgingen – sowohl Franzosen, Russen als auch Japaner warfen die Unglücklichen kurzerhand über Bord“.

Die Hauptfigur lehnt es anfangs strikt ab, „über Menschen aufgrund ihrer Rasse zu urteilen“. Dafür gibt es auch gute Gründe. Wie in dem Buch verdeutlicht wird, können auch, um bei Krachts Betrachtungsweise zu bleiben, unter höheren Rassen minderwertige Kreaturen wie der deutsche, schwule Vergewaltiger, Heinrich Aueckens, zu finden sein, genauso wie unter niederen Rassen treue Diener und fleißige Arbeiter zu finden sind. Dass der einzige Schwule in dem Roman, sich als ein Vergewaltiger herausstellt, zeugt von Krachts Abneigung Homosexuellen gegenüber.

Engelhardt scheitert am Ende - wie Hitler. Nicht weil er im Unrecht ist, sondern weil er weltfremd ist und nicht mit der Zeit gehen kann. Die Amerikaner gehen als Sieger hervor und bauen ihr „Imperium“ und ihre Weltherrschaft aus. Deutschland kann „seinen rechtmäßigen Ehren- und Vorsitzplatz an der Weltentischrunde“ nicht einnehmen. Obwohl die USA und Nazi-Deutschland sich als Feinde gegenüberstanden, gibt es keinen großen Unterschied zwischen ihnen, denn „es zerfleischt sich bekanntlich niemand so ausführlich wie Menschen, deren Ideen ähnlich sind“. Der einzige Unterschied zwischen ihnen ist, dass nach dem 2. Weltkrieg die USA als Sieger und Deutschland als Besiegter dastanden. Und die Sieger sind es, die die Geschichtsschreibung formen. Das ist die Hauptbotschaft von „Imperium“.


(März 2012)

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