Dienstag, 16. Juni 2015

Wege in den Schlamassel



In seinem Essay „Wege aus dem Schlamassel“ malt Pascal Bruckner, französischer Publizist, eine düstere Zukunft für Europa. Es ist ein schöner Text aus literarischer Sicht, der inhaltlich kaum etwas zu bieten hat. Bruckners Essay ist voller Widersprüche und unbegründeten Behauptungen. Im Mittelpunkt seiner Kritik stehen Umweltschützer, die er ideologisch mit Nazis vergleicht.

Europa werde vom Absturz bedroht und bald würden andere Nationen seinen Platz in der Weltpolitik einnehmen, so Bruckner. Bei der Äußerung seiner Enttäuschung über das Ende der „westlichen Vorherrschaft über den Planeten“ schreckt er auch vor rassistischen Aussagen nicht zurück: „Wir sind nicht mehr die ersten und nicht mehr die besten. Wir treten in die Ära der braunen, gelben, schwarzen Menschen ein. Die Zeit des weißen Mannes ist vorüber oder zumindest relativiert“.

Bruckners Enttäuschung über die angebliche Niederlage Europas verstellt seinen Blick auf die Wirklichkeit. Er verkennt Europas Errungenschaften in den letzten Jahrzehnten und sieht in fast allem Zeitgenössisch-Europäischen nur Negatives. Gleichzeitig versucht er die Situation anderer Länder schönzureden und sie als Vorbilder darzustellen. Chinesen, Inder, Brasilianer und Südafrikaner seien auf dem Erfolgskurs, trotzdem stellen sie den Kapitalismus nicht in Frage, da sie wüssten, dass Kapitalismus auch gerecht sein kann, so Bruckners Argumentation gegenüber europäischen Kapitalismus-Kritikern.

Man braucht nicht Intellektueller sein, um zu wissen, dass in all den genannten Länder katastrophale Zustände herrschen und die breiten Massen der Menschen nicht viel von dem wirtschaftlichen „Fortschritt“ mitbekommen. Die Kritik an den europäischen Kapitalismus und die europäische Demokratie mag diesen Menschen gar lächerlich vorkommen, da europäische Zustände für sie einen Traum darstellen. Ein Europäer hat aber selbstverständlich andere Erwartungen von dem politischen und wirtschaftlichen System, in dem er lebt, als ein Inder oder Chinese. Die Bedingungen, unter denen Menschen leben, bestimmen ihre Erwartungen und Maßstäbe.

Bruckners Besessenheit vom Kapitalismus verhindert ihn daran, auch andere Ideen des Liberalismus zu schätzen. Dass für ihn die Marktwirtschaft eine viel wichtigere Rolle spielt als Demokratie und Menschenrechte, wird unter anderem in diesen Sätzen deutlich, in denen er die westlichen Demokratien mit den asiatischen, südamerikanischen und afrikanischen gleichsetzt: „Die westlichen (aber auch asiatischen, südamerikanischen, afrikanischen) Demokratien müssen ihre Verbindungen stärken und Lasten gemeinsam tragen. Sie sind im Besitz eines unendlich verderblichen und fragilen Schatzes: der Menschenrechte“.

Ich weiß nicht, von welchen asiatischen, südamerikanischen und afrikanischen Staaten Bruckner spricht, mir ist jedenfalls keiner bekannt, der sich der Demokratie und den Menschenrechten verpflichtet fühlt. Den „Entzug der Staatsbürgerschaft für Bürger, die ihre Steuern nicht in der Heimat zahlen“ als eine Lösungsstrategie „hellsichtiger Analytiker“ zu bejahen, zeugt auch von Bruckners mangelhaftem Demokratie- und Menschenrechtsverständnis.

Die Begierde nach Konsum und Komfort ist bei Bruckner so stark ausgeprägt, dass er jeden ökologischen Versuch, wie das Recycling, die Mülltrennung oder Reduzierung des Strom- und Wasserverbrauchs, als Unsinn und „neurotischen Geiz“ betrachtet. Er stellt Umweltschützer auf eine Stufe mit den Nazis und schreibt: „Die Sorge um den Planeten reaktiviert einen alten totalitären Traum von Kontrolle bis hin in unsere intimsten Gewohnheiten: wie wir uns waschen, anziehen, heizen“.

Doch das alles ist nicht genug. Herr Bruckner gibt auch noch Ratschläge, wie man dem Islam-Problem entgegentreten sollte: „Zum Glück ist die Religion des Propheten in Sunniten und Schiiten aufgespalten, und man sollte nicht müde werden, dieses Ursprungsschisma zu vertiefen. Man könnte über den Islam sagen, was François Mauriac einst über den deutschen Nachbarn sagte: Man liebt ihn so sehr, dass man gerne mindestens zwei davon hat“.

Eine Auseinandersetzung zwischen Schiismus und Sunnismus würde nur dann Früchte tragen, wenn einer der beiden reformistische Ansätze oder zumindest eine offenere Grundeinstellung vertreten würde. Das ist aber nicht der Fall. Schiismus und Sunnismus repräsentieren beide eine strenge Auslegung des Islams und in den beiden Lagern haben zurzeit die Extremisten die Oberhand. Eine ernste Auseinandersetzung zwischen diesen islamischen Glaubensrichtungen würde nur zum Blutvergießen führen und die Extremisten stärken.

Ganze achtzehn Seiten ist Bruckners Essay lang. Ihn zu lesen, bringt nicht viel, außer dass man sich ein Bild von der (europäischen) Intellektuellenszene machen kann!


April 2012

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