Montag, 6. Juli 2015

Wilde Männer und zivilisierende Frauen



Steven Pinker zeichnet in seinem Buch „The better angels of our nature. Why violence has declined“ ein Bild vom Mann und Frau, dass den Vorstellungen vieler Menschen leider entspricht: der Mann als wildes Tier, und die Frau als friedliche und „menschliche“ Kraft, die die Zivilisation vorantreibt.

Immer wenn Männer, besonders jüngere, allein unter sich lebten (wie z.B. im Wilden Westen), würden sich Mord, Vergewaltigung und andere Verbrechen verbreiten. Frauen zivilisierten Männer durch Heirat und Kinderkriegen, in dem sie die dazu gezwungen hätten, sich für das Familienleben zu entscheiden, statt ein Leben wie ein wildes Tier zu führen, so Pinker im dritten Kapitel seines Buchs. Dass dieses Bild vorne und hinten nicht stimmt, beweisen zwei Beispiele:

1) Pinker selbst erklärt in seinem Buch, dass Gewalt und Kriminalität in Europa der früheren Epochen (z.B. im Mittelalter) unter verheirateten Männern viel weiter verbreitet waren als heute unter den unverheirateten.

2) Wenn Frauen wirklich einen zivilisierenden Einfluss auf Männer (und die Gesellschaft) ausüben würden, dann müssten Männer, die vier Frauen, zwanzig Kinder und fünfzig Enkelkinder haben, weit zivilisierter und friedlicher sein als der westliche Mann (und Männer, die nach dem westlichen Vorbild leben).


Bei dem Versuch, eine Erklärung dafür zu finden, wieso Gewalt und Kriminalität in den 1960-er zugenommen hatten, kommt Pinker auf die erwähnte These zurück. Seiner Ansicht nach hat die Zunahme der Gewalt in den 1960-er damit zu tun, dass viele Männer die „Vorteile“ der sexuellen Revolution ausgenutzt hätten und nicht bereit gewesen wären, ihre geschwängerten Sex-Partnerinnen zu heiraten und ein Familienleben zu führen. Dabei bezieht er sich vor allem auf die unteren Schichten der Gesellschaft, besonders die afro-amerikanische Gemeinschaft in den USA.

Um seine These hierbei zu bestätigen, bräuchte man Statistiken über die Verbreitung von Gewalt unter unverheirateten und verheirateten Männern unter Betrachtung von Schichtzugehörigkeit und „ethnischer“ Herkunft. Erst durch das Vergleichen dieser Statistiken und das Ausschließen von anderen Faktoren, könnte man Pinkers These prüfen. Leider präsentiert Pinker, der gerne in seinem Buch Statistiken vorführt, hierzu keine Zahlen.

Aber auch wenn seine These in Bezug auf die westlichen Gesellschaften in den 1960-er zutreffen würde, könnte man daraus nicht schlussfolgern, dass Frauen von Natur aus friedlicher und zivilisierter sind als Männer. Pinkers biologistische Sichtweise hindert ihn daran, zu erkennen, dass kulturelle Vorstellungen von Ehe, Sex, Vater-Sein, etc. und die dazugehörigen gesellschaftlichen Normen das Verhalten von Männern (und anderen Menschen) in einer Gesellschaft bestimmen. Es sind nicht Frauen, die eine Gesellschaft zivilisieren, sondern jene kulturelle Normen und Vorstellungen, die eine Weiterentwicklung der Gesellschaft fördern. Die Entstehung und Weiterentwicklung kultureller Normen kann man kaum mit der Genetik in Verbindung bringen – abgesehen von der Tatsache, dass der Mensch denken kann.


November 2013

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